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Ev.-luth. Kirchengemeinde St. Marien

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Die Schwalbennest-Orgel von St. Marien

Bei der „Schwalbennest-Orgel“ handelt es sich um eine Renaissance-Orgel in Schwalbennestform. Der Kern des Gehäuses stammt von der Orgel, die Georg Slegel, Mitglied der berühmten niederländischen Orgelbauerfamilie Slegel aus Zwolle, zwischen 1587 und 1595 schuf.

Die Slegel-Orgel bildete einen Farbakzent innerhalb des Kirchenraumes. Die Pedalwerke und die auffällige Schwalbennest-Empore entstanden im Zuge einer Modernisierung und Vergrößerung durch „Meister Fritse“. Charakteristische Parallelen zwischen erhaltenen Orgelpfeifen der Lemgoer Orgel und denen der Tangermünder Scherer-Orgel haben alle Zuschreibungszweifel ausgeräumt: „Meister Fritse“ war Fritz Scherer aus der bedeutenden Hamburger Orgelbauerfamilie. Im Verlaufe der Jahrhunderte wurde das Pfeifenwerk häufig verändert und dem jeweiligen Zeitgeschmack angepasst, u. a. waren der Herforder Orgelbauer Christian Klausing und Friedrich Klaßmeyer aus Lemgo hier aktiv.Paul Ott, Göttingen, hat in den 1950er und 1970er Jahren das Innenleben so grundlegend umgebaut, dass sich bis 2009 ein modernes Instrument in einem annähernd ungestörten Renaissance-Gehäuse befand.
Dem Elan des Kirchenvorstandsvorsitzenden Helmut Holländer und dem finanziellen Engagement zahlreicher Institutionen, Firmen und Einrichtungen sowie sehr vieler Gemeindemitglieder und der Gemeinde verbundener Einzelpersonen ist zu verdanken, dass über € 500.000,- zusammen kamen und ein Rückbau in Angriff genommen werden konnte.

Die Orgelbaufirma Rowan West in Altenahr vollendete 2010 einen stilistisch-handwerklich vorbildlichen Rückbau. Ziel der Rekonstruktion war der Zustand von 1613 mit einer auch mechanisch zu betreibenden Windanlage. Als Berater waren der niederländische Organologe Koos van de Linde und Vera Lüpkes, Weserrenaissance-Museum Schloss Brake, Lemgo beteiligt. Damit wird der Orgellandschaft Westfalen-Lippe ein großartiges Instrument zurückgegeben.“

Eckhard Deichsel, Dr. Vera Lüpkes (Weserrenaissance-Museum Lemgo-Brake)


Die Schwalbennest-Orgel von St. Marien ist eines der ganz seltenen Instrumente, auf denen Renaissance-Werke so zum Klingen gebracht werden können, wie sie von den Komponisten gedacht waren. In seinem Abnahmegutachten vom 24.10.2010 schreibt der Orgelsachverständige Prof. Dr. Harald Vogel:
„Die Schwalbennest-Orgel in St. Marien zu Lemgo ist die einzige Orgelanlage dieser Art aus der Zeit vor dem 30jährigen Krieg in Deutschland, die äußerlich gut erhalten ist und sich noch am ursprünglichen Aufstellungsort befindet. Auf die erste Bauphase geht das Hauptgehäuse zurück, das von der Orgelbauerfamilie Slegel aus den Niederlanden in den Jahren 1586 bis 1595 erbaut wurde. Die eindrucksvolle Empore mit den beiden seitlichen Gehäusen für das Pedalwerk und die Prospektpfeifen im Hauptgehäuse wurden von der Orgelbauerfamilie Scherer aus Hamburg 1613 fertiggestellt. Besonders wertvoll sind die originalen Prospektpfeifen, die zum Teil noch eine unveränderte Klanggebung (Intonation) aufweisen.
Die Spuren am Instrument und Vergleiche zu erhaltenen Renaissance-Orgeln in den Niederlanden und Norddeutschland haben eine Rekonstruktion möglich gemacht, die dem legendären Ruf dieser Orgel, die sie seit ihrer Entdeckung in den 20er Jahren des 20. Jahrhundert als „Renaissance-Orgel“ hatte, gerecht wird. Die Schwalbennest-Orgel in St. Marien zu Lemgo ist gegenwärtig das einzige Orgelinstrument im niederländisch-norddeutschen Stil der Spätrenaissance, in dem die klanglichen Ressourcen für das Orgelrepertoire des überragenden niederländischen Meisters aus der Zeit um 1600, Jan Pieterszoon Sweelinck, und seiner norddeutschen Schüler ohne stilistische Kompromisse zur Verfügung stehen. Dazu gehören die ursprünglichen Klaviaturumfänge mit der kurzen Oktave im Bass und die terzenreine mitteltönige Stimmung. Die vorzügliche Akustik in der Marienkirche ist eine weitere günstige Komponente, durch die ein angemessenes Verhältnis von Raum und Klang erlebt werden kann.
Die Disposition enthält alle Register mit den Klangfarben, die für die Darstellung des frühen niederländischen und norddeutschen Orgelrepertoires erforderlich sind. Auf kleinstem Raum sind hier die beiden Windladen für die Manualwerke im Hauptgehäuse und die beiden seitlichen Pedalwerke untergebracht. Die Marienkirche in Lemgo wird zum Zentrum für die Wiederentdeckung der authentischen Klanggestalt eines wichtigen europäischen Orgelstils werden können, der in den zurückliegenden Jahrzehnten weltweit eine immer größere Beachtung gefunden hat.
Dem Orgelbauer Rowan West und dem Organologen Koos van de Linde ist mit dieser Rekonstruktion eine wegweisende Arbeit gelungen, durch die eine verlorene Klangwelt wieder zum Bestandteil der globalen Orgelkultur wird und gleichzeitig als Modell für Nachbauten dienen kann. Damit ist ein kreativer Ansatz verwirklicht worden, der den Aktualitätscharakter des musikalischen Stils aus der Renaissance- und Frühbarockzeit in unserem heutigen Musikleben repräsentiert.
Die Schwalbennest-Orgel in St. Marien zu Lemgo ist ein Instrument von europäischer Bedeutung.“