Der Tag, als Jesus meinen Kleiderschrank durchsah...

Wenn ich morgens aufwache, habe ich manchmal keine Lust  aufzustehen. Es ist jetzt oft so kalt und grau draußen. Manchmal steht nichts Besonderes an, ein langer langweiliger Tag. Oder es ist so viel zu tun, das ich schon weiß, ich schaffe wieder nicht alles. Dem einen oder anderen unangenehmen Menschen werde ich heute begegnen, darauf habe ich keine Lust. Aber ich steh natürlich doch auf, nutzt ja nichts. Erst mal unter die Dusche. Das warme Waser tut gut. An so Tagen nehme ich das gute Duschgel.  Wenn ich aus heraus komme, dufte ich von Kopf bis Fuß nach Orange. Ich fühl mich fast wie neu geboren und die Welt sieht auch schon anders aus. Am besten ziehe ich dann noch etwas schönes an, in dem ich mich gut fühle, wo ich weiß, ich sehe gut aus, das steht mir. Dann kann der Tag kommen.

Neulich war wieder so ein Tag. Und als ich aus dem Bad komme, ist mein Kleiderschrank offen und Jesus steht davor. Was machst du denn hier, sag ich. Und wie bist du reingekommen? - Ich kann durch verschlossene Türen gehen, weißt du doch, sagt Jesus. Wie damals nach Ostern beim ungläubigen Thomas. Klar, sag ich, weiß ich ja. Aber warum bist du hier? Ist was passiert? - Ich wollte mal in deinen Kleiderschrank gucken. Und dir einen Spiegel vorhalten einen Beichtspiegel. - Welchen Spiegel frag ich? Hier, aus dem Epheserbrief. Musst du drüber predigen nächsten Sonntag, da kannst du ja mal selber reinschauen. Ok, zeig mal her! -

"Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr, sondern arbeite und schaffe mit eigenen Händen das nötige Gut, damit er dem Bedürftigen abgeben kann." Na, erkennst du dich wieder? - Eigentlich nicht. Geklaut habe ich zuletzt aus Mutters Keksdose und das ist ein paar Tage her. - Stimmt, sagt Jeus. Aber wenn ich mir das angucke – du kriegst auch bei Corona jeden Monat dein Beamtengehalt. Aber die Musiker können nicht mehr auftreten, da kommt fast nichts mehr in die Kasse. Und bei den Gastwirten ist es auch ganz kritisch. Das passt doch nicht mehr. - Ach Herrje, das tut mir natürlich Leid, aber ich kann doch nichts dran ändern! - Och, dir fällt schon was ein. Und wenn ich mir anschaue, was du so spendest, das find ich etwas mickrig. - Naja, Herr, so dicke hab ich´s auch nicht, und weißt du, was heute alles kostet, Essen, Kleidung, Miete? Die Kinder haben ihre Wünsche. - Ach was, sagt Jesus, sei nicht so knickrig, das steht dir nicht! Geiz macht hässlich. Guck mal hier, das kannst Du Dir ruhig an den Spiegel stecken: „Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Munde gehen, sondern redet, was gut ist, was aufbaut, was notwendig ist.“ -

Mensch, Jesus, da brauch ich mich wirklich nicht zu verstecken, ich finde oft die richtigen Worte, die aufbauen, das hat man mir schon mancher gesagt. - Stimmt, sagt Jesus, da bin ich mit dir zufrieden. Aber du kann auch ganz schön herziehen über Leute, die dich nerven. Dann wird es ätzend und verpestet die Luft. Dann hilft auch dein Orangenduschgel nicht mehr. - Ja, das geb´ ich zu. Aber man muss sich doch auch mal Luft machen, das ist doch menschlich. Und sagen, was mir stinkt. „Redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten.“ Das heißt doch, ich darf Kritik üben. Nicht immer den Mantel der Liebe über alles decken, was zum Himmel stinkt. - Klar, sagt Jesus. Aber denk immer dran: Wir sind untereinander Glieder – Familie. Auch dein Feind ist dein Bruder! Und lass die Sonne über deinem Zorn nicht untergehen, sonst gibst du Raum dem Teufel. Und dann gute Nacht! -

Ach Jesus, du hast ja recht. Aber wie soll das gehen? Ich kann doch nicht aus meiner Haut. Und manchmal fahr ich eben aus derselben. Wenn ich in deinen Spiegel guck, fühl ich mich nackt. - Das hatten wir schon mal sagt Jesus, Adam und Eva im Paradies. Sie waren nackt und schämten sich, als sie vom Baum gegessen hatten. Weißt du, wie die Geschichte weiter geht? - Ja, Gott machte ihnen Kleider. - Genau, sagt Jesus. Die Engel sind hervorragende Schneider. Erst gestern haben sie eine richtige Modenschau veranstaltet. Ich hab dir mal was mitgebracht und in den Schrank gehängt. Nicht der neueste Schrei, eher klassisch-zeitlos. Und absolut alltagstauglich. Es ist das Modell „Kolosser 3“: Zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Geduld und ertrag einer den anderen und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den anderen.

Ach, das bin ich nicht. Ich bin doch kein Engel und will mich nicht mit fremden Federn schmücken, außen hui, innen pfui, von der Sorte gibt´s schon genug. - Doch sagt Jesus, das bist du. So hat Gott dich gewollt. Das Kleid hat er für dich gewebt. Seit deiner Taufe hängst bei dir im Schrank. Und jeden Morgen legt Gott es für dich bereit, auf den Hocken neben der Dusche. Es duftet nach Orangen und nach Freundlichkeit. Und es steht dir, darin hast du eine tolle Ausstrahlung! Schlüpf einfach mal rein, es ist deins! Vielleicht eine Nummer zu groß, aber da wächst du schon rein. Auferstehung war auch nicht ganz einfach für mich. Und der Schmetterling braucht eine Weile, bis er aus dem Raupenkokon raus ist. Aber das wird!

Das war stark, so was erlebt man nicht alle Tage! Aber schauen sie doch mal in ihren Kleiderschrank. Vielleicht hängt ein schönes Kleid drin, das vom Himmel kommt und für den Alltag wunderbar passt. Ein Taufkleid für Erwachsene sozusagen. Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.