Jesus wendet das Blatt - Predigt in der Christvesper

Jesus wendet das Blatt - Predigt in der Christvesper

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Jesus wendet das Blatt - Predigt in der Christvesper

Liebe Gemeinde, nun stehen wir an seiner Krippen hier. Sehen das Neugeborene atmen und schlafen. Stille Nacht, heilige Nacht. Hören die alten Worte des Engels über dies Kind: Christ, der Retter ist da, Freude für alle Welt, Friede auf Erden.

Und in diesem Moment kann ich es glauben. Dies ist stärker als alles was dagegen spricht, in der Welt da draußen. Das Kind atmet und schläft. Gott ist da. Der Friede ist auf die Welt gekommen. Das Wort ward Fleisch.  

Aber erst einmal schläft es in einem Stall. Wir müssen uns wohl gedulden, bis es groß wird und endlich die Prophezeiungen des Engels wahr werden. Heute wenigstens ein bisschen Hoffnung, ein wenig Ausruhen an der Krippe, ein wenig Licht in dunkler Zeit. Das ist nicht wenig. Weihnachten.  

Rogier van der Weyden, ein Maler, hat in Brüssel in Belgien gelebt, geboren im Jahr 1400. Er konnte fantastisch gut malen, einer der sogenannten alten Meister. Feinste Einzelheiten, Licht und Schatten wie auf einem Foto, aber besser. 

Rogier van der Weyden hat ein Bild von Maria und dem Jesuskind gemalt. Sie haben es am Eingang bekommen. Da schläft Kind nicht mehr still in der Krippe. Es ist schon etwa ein Jahr alt. Vielleicht sein erstes Weihnachten?

Die Mutter trägt ein wunderschönes langes Keid, rot von Kopf bis Fuß. Schwerer Stoff mit aufgestickten Ornamenten. Sie sitzt auf einer Bank unter einem verzierten Fensterrahmen aus Holz geschnitzt. Kein Stall, ein Schloss. Ein Engel schwebt und hält eine Krone über ihrem Kopf. Maria war eine einfache junge Frau, Josef Zimmermann. Rogier malt sie, wie er sie sieht: Eine Königin, auserwählt als Mutter Gottes.

  Sie hat Jesus auf dem Schoß, sie hält ihn mit der rechten Hand. Er hat schon kräftige Beinchen, mit denen er sich auf Marias Knie abstützt. Dazu Patschhände mit Babyspeck. Keine Windeln mehr, sondern ein kleines weißes Kittelchen mit aufgekrempelten Ärmeln. Das Köpfchen voll rötlicher Locken, ein munterer aufgeweckter Blick.

Maria schaut freundlich und sanft auf ihr Kind. Und auf das aufgeschlagene Buch, das hält sie mit der linken und balanciert es auf dem anderen Knie.   

Was ist das  für ein Buch? Es sieht aus wie eine Bibel. Die echte Maria hatte keine Bibel zur Hand. Das neue Testament war noch nicht geschrieben und das alte gab es nur in großen Schriftrollen für die Synagoge. Fraglich ob sie überhaupt lesen konnte?

Der Maler gibt ihr trotzdem eine bibel in die Hand. Im Jahr 1440, kurz vor der Erfindung des  Buchdruck muss es eine Handschrift sein, in einem Kloster von Mönchen mit der Hand geschrieben und illustriert, kostbar, für Bibliotheken und Fürstenhöfe bestimmt, in Latein geschrieben, für die wenigen die damals lesen konnten.   

Rogier gibt der einfachen ungebildeten Maria eine Bibel in die Hand. Lässt sie  ihre eigene Geschichte nachlesen, was ein Jahr zuvor geschah, in der Nacht, als ihr Kind geboren wurde. Fürchtet euch nicht! sagt der Engel. Siehe, ich verkünde euch große Freude. Friede auf Erden! Der Retter ist geboren.

Maria liest die alten Prophezeiungen der Bibel: Eine Jungfau wird schwanger werden und ein Kind zur Welt bringen. Er heißt Wunderrat, Friedefürst. Das soll von ihr und ihrem Kind gesagt sein? Was mag das bedeuten? Maria behält all diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.

 

Was da in der Bibel steht ist Marias eigene Geschichte, verklärt in rot-gold, mit Zier und Ornamenten. Aber es scheint noch genug durch, um zu sehen:  Das war nicht einfach. Sie wollte eine andre Geschichte schreiben. Hochzeit mit Josef zuerst. Zusammen ziehen,  dann ein Kind, nach einem Jahr vieleicht.

Es kam ganz anders. Dies Kind hat ihr Leben gründlich durcheinander gebracht. Schwanger, und das Kind ist nicht von Josef. Erst wollte er sie verlassen! Sie müssen beide vertrauen, dass Gott etwas Gutes vorhat mit ihnen und dem Kind. Das das eine gute Geschichte wird. Nicht einfach. Aber sie wollen daran glauben und den Weg gehen. Mir geschehe, wie du gesagt hast.

Nach einem Jahr dürften sie immer noch im Ägypten leben, als Flüchtlinge geflohen vor Herodes, der das Kind töten wollte. Rechtlos und arm, nur geduldet. Müssen warten und hoffen,  dass sie nach Hause zurück können.

 

Haben sie schon mal versucht, ein Buch zu lesen, mit einem einjährigen Kind auf dem Schoß? Genau. Das Kind möchte nicht stillsitzen, sondern mitspielen, das Buch anfassen, in den Mund nehmen, zerreißen, auf den Boden werfen.

Das Jesus-Kind auf dem Bild von Rogier windet sich aus dem Griff Marias frei, stützt sich mit dem Füßchen ab, dreht sich hin zum Buch, greift in die Seiten, patscht darauf, greift ein Blatt, blättert um, zerknittert und zerknüllt. Unerhört! Auf dem würdevollen Bild eines alten Meisters. Eine Bibel zerknüllen. Das ist doch ein heiliges Buch!  

Rogier sieht ein quicklebendiges Kind. Kein braves. Aufgeweckt und zupackend. Und eine Mutter die sich daran freut. Das Kind gibt ihr Mut. Für ihn lebt sie, durch ihre Liebe und mit Gottes Hilfe wird dies Kind seine Mission erfüllen.   

Rogier sieht noch mehr. Das Kind Jesus ist seinem Alter weit voraus, es weiß, was es tut. Souverän greift es die alten Prophezeiungen auf und nimmt sie in die Hand. Papier ist geduldig. Aber die Welt kann nicht mehr warten. Jetzt geht es los. Das Wort wird Fleisch. Jesus ist da, um anzufangen. Er fängt klein an und denkt groß. Das Reich Gottes ist mitten unter euch, wird er später sagen. Und es wächst, so rasch wie ein Kind groß wird.  Klein wie ein Senfkorn, wird es zum großen Baum.

Bücher kann man verbieten, wegsperren oder sogar verbrennen. Man kann verhindern, dass Menschen lesen lernen. Wenn Kinder arbeiten müssen, statt in die Schule zu gehen. Aber die Geschichten, die ihre Eltern ihnen erzählen, die wissen sie trotzdem. Von dem Kind Jesus Christus, das an Weihnachten geboren wird. Vor dem der böse König zittert. Weil das Kind Gerechtigkeit bringen wird.

Geschichten von einer Mutter, die eine heimliche Königin ist, weil sie ihr Kind beschützt.

Geschichten, die in der Welt sind, in Herzen und Händen,  die kann niemand mehr auslöschen. Das lebt und wächst und steht immer wieder auf.   

Dies Kind hatte keinen leichten Weg. Dieser Jesus Christus wurde angefeindet und gekreuzigt. Aber er lebt und seine Botschaft auch. Steht immer wieder auf  gegen Tyrannen und Kleinmut.   

Vermutlich lesen die meisten von uns hier mehr Zeitung als Bibel. Sehen öfter in die Nachrichten als auf überraschende Bilder alter Meister. Wir sehen, was in diesem Jahr war. Vieles macht Angst macht und wir fürchten, was kommt. Wir wagen Prophezeiungen und sehen schwarz für die Zukunft.

Aber was, wenn das Kind auch in die dunklen Seiten unsrer Prognosen eingreift. Unbekümmert und beherzt. Und sagt, sobald es sprechen kann: Halt! Nichts ist entschieden. Nichts muss so weitergehen. Was, wenn dies Kind die Weltgeschichte in die Hand nimmt. Das Blatt zum Guten wendet? Ein neues Kapitel aufschlägt. 

Und uns sagt: Hey du, mach mit! Mit dem was zur Hand ist, was dir zur Verfügung steht. Schreib dich ein in die Lebensgeschichten der Kinder, die dir anvertraut sind. Schreib ein gutes Kapitel  in der Geschichte deiner Familie, deiner Freundinnen, deiner Stadt. Schreib gute Seiten hinein in das Weltenbuch.  

Jesus Christus, das freundliche freche Kind nimmt dich bei der Hand und führt dich.  Geh Hand in Hand mit Christus und mit allen Menschen guten Willens.

Das ist bestimmt kein Kinderspiel. Das ist ernst, aber es lohnt sich. Kein glücklicher Spiel-Moment, eher ein langer Marsch. Aber das Ziel lohnt. Frieden ist möglich. Fang an mit dem was zur Hand ist. Ergreife beherzt die Möglichkeit. Schreibe Geschichten vom Frieden.

Jesus ist ein aufgewecktes Kind. Von den Toten auferweckt. Er weckt uns auf. Das ist mehr als ein wenig Hoffnung und viel Geduld. Das ist der Anfang von etwas Großem. Das ist Weihnachten.   

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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