Neues pflügen! - Predigt am 8. März von Julien Thiede

Neues pflügen! - Predigt am 8. März von Julien Thiede

Neues pflügen! - Predigt am 8. März von Julien Thiede

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Neues pflügen! - Predigt am 8. März von Julien Thiede

Liebe Gemeinde, wie haben Sie Jesus in unserem Predigttext wahrgenommen? War er ein Tröster für den Mann, der seinen Vater verloren hat? War er dankbar dafür, dass die Männer ihm folgen wollen?

Ich habe Jesu in diesem Text eher als streng empfunden, für mich sehr ungewohnt und unnahbar. Vielleicht ging es Ihnen beim Hören des Textes ähnlich.

Man erwartet Trost. Man erwartet Verständnis. Man erwartet ein mitfühlendes Wort.

Und stattdessen hören wir Sätze, die fast schroff wirken.

Ein Mann verliert seinen Vater. Er hat einen herben Verlust erlitten und vielleicht sogar dadurch zu Jesus und zum Glauben gefunden. Durch die Vorstellung, dass der geliebte Vater nun im Himmelsreich ist. Er möchte dem Glauben dienen, mit Jesus das Wort Gottes verkünden, und die einzige Bitte ist, sich von seinem Vater zu verabschieden: „Ich komme mit dir und lasse alles hinter mir, aber lass mich bitte noch Abschied von meinem Vater nehmen und ihm ein würdiges Ende bereiten!“

Und Jesus? Nicht barmherzig, nicht einfühlsam. Er tröstet nicht, er muntert nicht auf oder hat aufbauende Worte. Er sagt einfach: „Kümmere dich nicht drum, lass das wen anderes machen! Komm lieber mit mir und verkünde das Reich Gottes!“

Kein Trost. Kein Mitgefühl. Kein Zögern.

Stellen Sie sich das mal vor. Pastor Altevogt oder eine andere geistliche Person kommt nach dem Tod eines geliebten Menschen zu Ihnen und sagt: Jaja, die Person ist jetzt tot, aber haben Sie nicht eher Lust, das Reich Gottes zu verkünden? Wir haben noch Plätze im Kirchenvorstand frei.

Ich persönlich würde diesen Geistlichen, glaube ich, akkurat aus dem Haus werfen.

Ein anderer Mann sagt zu Jesus: „Auch ich möchte dir folgen, aber lass mich bitte noch meine Angelegenheiten klären, meine Familie verabschieden, meine Frau, meine Kinder. Vielleicht dafür sorgen, dass es ihnen auch ohne mich gut geht!“

Und Jesus? Er zeigt kein Verständnis, er sagt nicht: „Ja, kümmere dich um deine Lieben, ich warte auf dich!“ Er sagt: „Schaue nicht zurück auf die, guck nach vorne!“

Auch das wirkt auf mich eher hart, vielleicht sogar verantwortungslos. Fast so, als würde Jesus sagen: Entscheide dich. Nicht irgendwann. Jetzt.

Man hört immer wieder davon, dass Menschen mir nichts, dir nichts abhauen, Haus, Hof und vor allem die Familie hinter sich lassen und weit weg ein neues Leben anfangen. Der berühmte Vater, der nur kurz an der Tankstelle eine Schachtel Zigaretten kaufen wollte und nie wieder kommt.

Familien, die daran zerbrechen. Leben, die vom verschwundenen Vater geprägt sind. Nichts, was man sich wünscht oder anderen wünscht. Und Jesus fordert jetzt genau das?

Und viele von uns kennen das doch sicher auch selbst. Man gibt etwas ab, beendet den Beruf oder ein Ehrenamt, da gehört eine geordnete Übergabe doch wohl dazu. Sonst herrscht schnell Chaos, weil niemand mehr weiß, was zu tun oder zu lassen ist.

Ist Jesus hier so egoistisch, dass er dieses Chaos billigend in Kauf nimmt?

Ich persönlich muss sagen, ich habe lange daran gegrübelt, wie das gemeint sein kann. Und vielleicht liegt der Schlüssel genau hier:

Jesus fordert keinen blinden Gehorsam. Aber er fordert eine klare Entscheidung.

„Folge mir nach, ohne Fragen zu stellen, tue, was ich sage!“

Heute am 08. März ist zum Beispiel der Weltfrauentag. Ein Tag, der für die Emanzipation der Frau steht, dafür, dass Frauen endlich genauso in unserer Gesellschaft akzeptiert sind wie Männer und Gleichberechtigung herrscht.

Das war und ist aber nicht immer so. Noch immer ist es so, dass oft gesagt wird: „Ich bin der Mann, tue, was ich sage!“ Zum Glück wird das zu einem immer selteneren Phänomen, aber auch heute ist das noch manchmal so. So kenne ich es als Wahlhelfer, dass Ehepaare leider gar nicht so selten gemeinsam in die Wahlkabine gehen wollen, da die Frau wählen soll oder möchte, was der Mann sagt. Wenn man das vor Ort unterbindet, kommt es immer wieder zu Unverständnis und Diskussionen. Blindes Folgen einer anderen Person.

Oder bei den Geschehnissen unserer Welt: Gerade im Augenblick werden wieder Kriege gefochten, Menschen werfen Bomben ab und töten Menschen. Nicht, weil sie das entschieden haben, sondern weil es jemand anderes befohlen hat. Wenn mein Präsident oder mein Staatsoberhaupt es befiehlt, muss es ja richtig sein.

Zum Glück wird das immer weniger und die eigenen Entscheidungen werden immer wichtiger. Immer mehr Menschen kämpfen gegen solche Strukturen, demonstrieren dagegen, und die Emanzipation wird immer wichtiger und rückt zum Glück immer näher.

Aber steht diese Entwicklung der eigenen Entscheidung und des Fortschrittes entgegen unserem Glauben, entgegen den Worten Jesu, die wir vorhin im Predigttext gehört haben?

Liebe Gemeinde, unsere Gemeinde hat in den vergangenen Wochen für ganz schön Aufsehen gesorgt. Matthias Altevogt hat nach Rücksprache mit dem Kirchenvorstand angeregt, die starren Linien zwischen reformiert und lutherisch zu lösen, Verwaltungen zu fusionieren und beispielsweise die intensivere Zusammenarbeit zwischen der Kirchengemeinde St. Johann, reformiert, und uns, lutherisch, zu vereinfachen.

Am gestrigen Samstag gab es dazu einen Leserbrief und in den letzten Tagen einige Kommentare auf Social Media: „Wir können doch nicht unseren Glauben aufgeben!“, „Der Pastor fordert die Aufgabe unserer religiösen Identität“, „Damit geht das Selbstverständnis unserer Kirche verloren!“, so hieß es in einigen Kommentierungen.

Wie würde Jesus das wohl finden? Wir sollen ihm doch folgen!

Meine Brüder und Schwestern, vorab möchte ich ganz deutlich sagen, und ich denke, meine Kolleginnen und Kollegen aus dem Kirchenvorstand werden mir dort zustimmen: Niemand aus der Gemeindeleitung hat vor, unsere religiöse Identität abzuschaffen. Unsere musikalischen Gottesdienste, unsere geschmückten Feste und unsere Liturgie, die für viele erst unsere Gottesdienste zu etwas Besonderem machen.

Wir wollen uns entwickeln.

Ist eine differenzierte Trennung von lutherisch und reformiert noch zeitgemäß? Ist diese Trennung noch zweckdienlich? Und die wichtigste Frage: Ist sie künftig überhaupt noch möglich und nötig?

Ja, es gibt Unterschiede, und die wollen wir uns auch bewahren. Aber diese Unterschiede gibt es zwischen uns und den Reformierten genauso wie zwischen uns und anderen lutherischen Gemeinden. Ein für mich tiefgreifendes Beispiel sind die Kirchen St. Marien und St. Nicolai, die eine prunkvoll, mit viel Goldschmuck und Gemälden in der Kirche und an den Säulen, die andere eher schlicht, minimalistisch und auf das Notwendigste bewusst reduziert.

Hängt unser Glaube also von unseren Jahrhunderte alten Verwaltungsstrukturen ab oder davon, wie wir als aktive Gemeinde unseren Glauben gestalten?

Jesus sagt im Predigttext nicht nur: Folge mir und lasse alles hinter dir. Er sagt auch: Blicke nicht zurück bei den Aufgaben, die vor dir liegen. Jesus fordert nicht, dass wir alles vergessen sollen, was wir sind oder was hinter uns liegt. Er fordert aber, dass wir nicht an dem hängen sollen, was vergangen ist.

Wir als Menschen, wir als Gemeinde müssen uns entwickeln, und das geht nicht, wenn wir daran hängen, was gewesen ist.

Jesus war aber auch jemand, der nach vorne gegangen ist und bei diesem Gang nach vorne immer wieder das Vergangene besprochen hat. Nicht, weil er es zurückwollte, aber weil es ein abgeschlossener Teil seines Lebens und seines Glaubens war.

„Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“

Heutzutage gibt es einen ähnlichen Spruch: „Weißt du, warum die Frontscheibe eines Autos so groß und der Rückspiegel so klein ist? Weil die Vergangenheit nicht so wichtig ist wie die Zukunft.“

Jesus verlangt nicht von uns, auf alles zu pfeifen und ihm ungefragten Gehorsam zu leisten. Keine eigenen Entscheidungen zu treffen und nur zu tun, was er oder sonst wer uns sagt.

Er fordert uns dazu auf, unseren Glauben, unser Leben und unsere Zukunft mutig zu gestalten. Nicht an dem zu hängen, was wir nicht mehr ändern können, sondern voller Zuversicht und Vertrauen in Gott nach vorne zu gehen, auch wenn wir nicht immer wissen, was vor uns liegt. Dieser Weg erfordert Mut, er erfordert Veränderungen, und es wird auch passieren, dass wir auf diesem Weg Fehler machen. Aber am Ende werden wir immer weiter sein, als wenn wir uns an die Dinge, die vergangen sind, hängen und über die Zukunft lediglich zweifeln, anstatt sie zu gestalten.

Pastor Altevogt hat den mutigen Spruch gesagt: „Lasst uns endlich evangelisch werden!“ Evangelisch heißt in seinem Ursprung „gute Nachricht“. Lasst uns die gute Nachricht des Glaubens verkünden.

Lasst uns mutig nach draußen gehen und unseren Glauben mit anderen Menschen teilen und nicht im Stillstand verharren, denn dann werden wir das Reich Gottes nicht erreichen.

Oder mit Jesu Worten: „Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“

Das bedeutet nicht: Vergesst eure Vergangenheit. Das bedeutet nicht: Verachtet eure Geschichte. Und es bedeutet auch nicht: Brecht mit allem, was euch geprägt hat.

Aber es bedeutet: Bleibt nicht stehen.

Denn Gott hat mit uns noch etwas vor. Mit uns als Menschen. Mit uns als Gemeinde. Und mit seiner Kirche in dieser Welt.

Und vielleicht ist genau das die Einladung dieses Bibeltextes: Mutig nach vorne zu schauen. Mutig zu vertrauen. Und mutig den nächsten Schritt zu gehen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

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