05/09/2026 0 Kommentare
Komm mal runter von der Palme - Predigt am 6. September 2026 zu Lukas 19,1-10 (Zachäus)
Komm mal runter von der Palme - Predigt am 6. September 2026 zu Lukas 19,1-10 (Zachäus)
# Neuigkeiten

Komm mal runter von der Palme - Predigt am 6. September 2026 zu Lukas 19,1-10 (Zachäus)
Siehe! da war ein Mensch in Jericho.
Er wollte Jesus sehen. Er stieg auf einen Baum um ihn zu sehen.
Jesus sah zu ihm auf. Siehe! sagte der Mensch: Ich will mich ändern.
Es wird viel gesehen und aufgefordert hinzuschauen in dieser Geschichte, die wir als Evangelium gehört haben. Also sehen wir uns ihn doch mal genau an, dieser Zachäus.
Er ist klein von Gestalt. Irgendwann beim Heranwachsen zogen die andern Jungs an ihm vorbei, wuchsen schneller, höher. Er blieb klein.
Kein Drama, aber mancher leidet darunter. Man ist so groß wie man sich fühlt.
Ob er noch andere Gründe hatte, sich klein zu fühlen?
Hat man auf ihn herabgesehen, ihn nicht für voll genommen? Musste er dumme Witze ertragen und konnte sich nicht wehren gegen die größeren stärkeren Jungs auf dem Schulhof? Wurde er immer als letzter gewählt bei der Mannschaftsaufteilung beim Sport - tipp topp? Das sind nur Spekulationen, davon erfahren wir nichts.
Nur das er klein ist. Und: Dass er groß rausgekommen ist. Er hat es geschafft bis ganz oben. Er ist ein Oberer der Zöllner und reich. Nun kann er herunter sehen auf die Unterzöllner, die ihm untergeben sind. Und auf die armen Schlucker, sich nicht soviel leisten können
Runterschauen auf alle, die machtlos vor ihm stehen an der Zollstation und den Tarif bezahlen müssen, den er festsetzt, zähneknirschend, die Faust in der Tasche. In der Tasche muss die Faust bleiben, sonst kommen sie nicht durch und können ihre Waren nicht auf den Markt bringen.
Kennen Sie das, die Mautstationen an der Autobahn im Ausland? Oder die Kassenhäuschen an der Fähre. Die an der Kasse sitzen immer höher. Nur wenn du zahlst oder die Kreditkarte hinhältst, geht die Schranke auf.
Zöllner zogen auch Steuern und Abgaben ein im Auftrag der römischen Besatzungsmacht. Die Steuern waren hoch, die Besatzer saugten das Land aus.
Die Oberzöllner pachteten von den Römern das Recht, die Steuern einzutreiben, und durften für sich etwas aufschlagen. Zachäus gibt zu, dass er betrogen hat und zu viel genommen. Zöllner nahmen oft die Leute aus, ihr Reichtum war Unrecht.
Zachäus ist also groß herausgekommen, aber die Kleinheit wird er dabei nicht los: Nun schauen sie auf ihn herab, die Leute, sehen in ihm den Betrüger und Räuber. Mit dem setzen sie sich nicht an einen Tisch, in sein Haus würden sie niemals gehen. Von so einem hält man sich fern.
Zachäus steigt auf einen Baum, um Jesus zu sehen, wer er wäre.
Will er wieder hoch hinaus, sich über die Menge erheben? Will er herabschauen auf Jesus, den Möchte-gern-Messias, dem die dummen Massen nachlaufen. Auf den Star, um den sie einen Kult machen, der vielleicht nur ein Sternchen ist, das bald verglüht, wenn sich die Sonne über Golgatha verfinstert? Wir erfahren nichts darüber, es ist nur Raten.
Vieleicht hatte er ja auch Sehnsucht nach Erlösung aus seiner Einsamkeit in der Höhe. Hatte er es satt, dass niemand neben ihm stehen wollte?
Dass keiner ihn nach vorne ließ in die erste Reihe, wo er hätte sehen können?
Ganz oben an der Spitze wird es einsam. Ein Star wird umschwärmt. Aber hat er noch Freunde? Ein Superstar, ein Spitzensportler, ein Bundeskanzler, ein Milliardär, ein Oberchef. Wem kann er trauen? Von wem lässt er sich noch etwas sagen? Wer kann ihm in die Augen schauen auf gleicher Höhe? Ohne Angst, ohne Hintergedanken?
Ein weiser hat mir mal gesagt: Denk daran: Wer auf die Palme geht, muss irgendwann auch wieder herunter kommen.
Es ist nicht leicht, wenn man sich aufgeregt hat, sich wieder abzuregen. Wenn man sich verstiegen hat, in heiligen Zorn gesteigert, wieder auf den Teppich, ins Gespräch zu kommen. Die Hand zu nehmen, die man heftig ausgeschlagen hat.
Es ist nicht leicht, vom hohen Ross zu steigen, das man lange geritten hat.
Eine Stufe zurück gehen oder zwei, wenn man ganz oben steht, das schaffen nur wenige, auch wenn es klüger und gesünder wäre.
Zachäus steigt auf den Baum. Er will Jesus sehen, wer er wäre.
Schauen wir also auch Jesus an.
Er ging nach Jericho hinein, so beginnt es. Man darf gespannt sein: Was wird er hier tun und erleben? Die Antwort kommt im zweiten Satz: Gar nichts. Er zieht einfach hindurch. Keine weitere Erklärung, wieder kann man nur spekulieren.
Fast wirkt es gehetzt. Will er schnellweiter, läuft er weg vor diesen unzähligen Menschen, die ihm nachfolgen, an seinen Lippen hängen, die Augen nicht von ihm wenden, nach seinen Rockzipfeln greifen, um ein wenig abzubekommen von der himmlischen Kraft die von ihm ausgeht? Menschlich wäre es, verständlich, dass ihm das zu viel wird. Er kommt gar nicht mehr zur Ruhe. Oft hat er ja zurückgezogen auf einen Berg allein. Aber hier, so kurz vor Jerusalem kann er sich nicht mehr entziehen.
Oder anders: Ist Jesus im Flow, wird immer weiter getragen von der Euphorie der Menge? Sie himmeln ihn, schauen zu ihm auf, tragen ihn auf Händen. Und er lässt sich mitreißen, treiben? Auch möglich, beides wäre menschlich, aber nicht göttlich. Jesus würde zur einen oder zur andern Seite vom Esel fallen, auf dem er doch in Jerusalem einziehen will.
Bestimmt hat es ihn mal nach der einen und mal nach der anderen Seite gezogen, er war ja ein Mensch. Aber er schafft es, nicht von Esel zu fallen.
Wie? Er bleibt stehen. Gerade noch rechtzeitig vor dem Ortsausgang. Einfach mal stehen bleiben und hinschauen. Ich sehe was, was du nicht siehst
Jesus schaut nicht hinab auf die Menge, die ihn in den Himmel heben will. Er schaut nicht herab auf Zachäus den Betrüger. Er schaut zu ihm auf.
Und sieht etwas in ihm, was keiner mehr sieht: Auch dieser ist ein Sohn Abrahams. Ein Mensch, ein Gotteskind. Verstiegen verirrt, aber von Gott geliebt. Vielleicht zum ersten Mal seit langem schaut einer nicht herab auf Zachäus, Jesus schaut zu ihm auf. Gibt ihm seine Würde zurück.
Und das Wunder geschieht. Zachäus steigt vom Baum herunter auf Augenhöhe, Freut sich, ist wie ausgewechselt, neugeboren.
Siehe, ich gebe die Hälfte meines Vermögens den Armen. Und wo ich betrogen habe, erstatte ich es vierfach zurück.
Der 13. September ist der Neujahrstag im jüdischen Kalender. Das neue Jahr beginnt mit 10 Tagen der Selbstprüfung und endet mit dem Yom Kippur, dem großen Versöhnungstag am 20. September.
Wir könnten es auch tun in diesem September zusammen mit den jüdischen Geschwistern: Stehen bleiben und genau hinschauen:
Auf wen sehe ich herab? Wessen Haus mag ich nicht mehr betreten?
Wem gebe ich nicht mehr die Hand? Mit wem setze ich mich nicht an einen Tisch?
Auf wen schaue ich herab? Mit guten Gründen, möglich. Aber: Kann ich auch noch zu ihm aufschauen. Sehe ich noch das Gotteskind in ihr?
Den der klein gemacht wurde, der große der sich ganz klein fühlt, der sich verstiegen hat und sehr allein ist?
Ist es Zeit, von der Palme herunter zu kommen? Vom hohen Ross zu steigen und die Hand auszustrecken? Zwei Schritte zurück treten? Sich einreihen ins Glied?
Lasst uns stehen bleiben und genau hinsehen in diesen September-Tagen.
Das Betrogene mehrfach erstatten, aus dem Vermögen für soziale Zwecke spenden, das verlangt der Talmud, die jüdische Auslegung der Torah von den betrügerischen Zöllnern am Jahresanfang zum Jom Kippur, dem großen Versöhnungstag. Zachäus tut genau das und wird neu geboren: Ein Mensch, ein Gotteskind. Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
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